rotraud

     

Wie alles begann... 

...im Jahre 1989. Da war diese Kappe, eine urige Waldschratkappe. Braun-weiß mit Zotteln, meine Schwägerin hatte sie aus ungekämmter Schafwolle gefilzt und meinem Mann geschenkt. Er setzte sie auf und fast nie mehr ab. Viele Leute drehten sich nach der Kappe um, mir war das zu auffällig. Das müsste doch auch schöner gehen, dachte ich da, und filzte mit meiner Schwägerin zusammen einen braunen „Sonntagshut“. Die Kappe wurde dann nur noch zum Arbeiten getragen. Ich filzte noch einen Hut für mich, und einen für meine älteste Tochter – rosa mit lila Punkten. Die Wolle kaufte ich bei einer Weberin, die unter anderem auch gekämmte Vlieswolle zum Spinnen anbot. Hätte sie diese nicht zufällig gehabt, wäre meine Filzkarriere wohl mit einer zweiten Waldschratkappe beendet gewesen. Mit dieser Wolle aber funktionierte es einfach, obwohl ich nur wusste, dass Wolle mit Schmierseifenwasser unter Reibung verfilzt. 
       
 IMG 1742   Spinnen, Stricken, Weben und Nähen vernachlässigte ich nun, das Filzen hatte mich in seinen Bann gezogen. Daraus ließ sich alles machen, was sonst aus anderen Textilien hergestellt wurde: Hüte, Babyschuhe, Hausschuhe, Jacken, Westen, Bälle, Bilder, Kissen… und auf einmal purzelte mir ein Filzzwerg entgegen und noch einer, bis es sieben waren. Das schöne Schneewittchen mit ebenholzschwarzem Haar kam dazu, die Filzfigur war gefunden. Die ersten Zwerge waren noch um ein Drahtgerüst gefilzt, bis ich bald merkte, dass es auch ohne geht. Ein Teddy wurde völlig frei aus Wolle geboren.
     
 Image 0182   Auf eine Anfangsrolle werden Teile angesetzt, viele Wollschichten aufgelegt, genässt und angestrichen. Erst wenn die Grundform fertig aufgebaut ist, wird gefilzt. Während des Filzens und beim Walken werden die eigentliche Form und der Ausdruck modelliert. Es ist faszinierend, wie lange und gut sich die Figuren verändern lassen. In allen Farbschattierungen ist so jede erdenkliche Form möglich: von fein bis grob, von winzig bis groß, von naturgetreu bis fantastisch. Ich nenne es die "plastische Aufbautechnik".
     
 IMG 8527   So entstand eine kleine Filzwerkstatt mitten in der Wohnung. Während meine drei Töchter um mich herum spielten, werkelten und plapperten, filzte ich Tiere und Märchenfiguren. Ich beschloss, aus meinem Hobby einen Beruf zu machen: 1991 habe ich meine Werkstatt als Gewerbe angemeldet. Anfangs nur Zubrot, wurde die Filzerei langsam aber sicher zu einer guten Einkommensquelle, die es mir ermöglichte, während der Arbeit zu Hause zu sein, ansprechbar zu sein und meine Zeit selber einteilen zu dürfen. Ich verkaufte die Figuren auf verschiedenen Kunsthandwerkermärkten.
     
 PIC00010   Lebendige Vorbilder zum Filzen von Hunde- und Katzenmamas mit ihren süßen Kindern hatte ich, als unsere Katze und unsere Hündin Junge bekamen, was ein wunderschönes Erlebnis für uns alle war.
     
 IMG 8524   Viele tausend Tiere sind in den letzten zwei Jahrzehnten aus der Werkstatt gewandert. Neben Teddys, Haus- und Hoftieren, Vögeln, Wald- und Raubtieren und exotischen Tieren sind Miniatur-Hunde und Katzen zu den Lieblingstieren der Kundinnen geworden. Zu Beginn meiner Filztätigkeit war dieses Handwerk kaum bekannt in Mitteleuropa. Inzwischen ist eine regelrechte Filzwelle am Rollen, Filzen ist in Mode gekommen.
     
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Mit der Werkstattgründung habe ich auch begonnen, Kurse anzubieten. In den letzten Jahren ist die Kursarbeit zum Schwerpunkt meiner Arbeit geworden. Dabei erfahre ich immer wieder, wie wohltuend und befriedigend es für die Menschen ist, einen Arbeitsprozess von Anfang bis Ende im Zusammenhang zu erleben und dabei ein Filztier vom embryonalen Zustand über eine unförmige Grundgestalt zum „lebendigen“ Tier hin zu formen, jedes Mal ein kleiner Schöpfungsprozess. 

Es ist schön, so vielen interessierten Müttern, Erzieherinnen, Lehrerinnen, Ergotherapeutinnen, Sozialtherapeutinnen, Heilerziehungspflegerinnen, Heilpädagogen, Sonderschullehrerinnen,  Kunsttherapeutinnen, Künstlerinnen und anderen kreativen Menschen das Filzen von Tieren und Figuren in Aufbautechnik beizubringen. In diesen Berufen ist das Filzen zu einem wichtigen Bestandteil geworden.

     
 bauernhoftitel   Aus den Kursen heraus entstand auch die Anregung zu einem Buch, welches ich im Jahre 2001 mit dem Verlag Freies Geistesleben verwirklichen konnte: „Filzen von Tieren und Figuren“. Das Buch hat großen Anklang gefunden. Die vertrauten und liebenswerten Tierbilder sind in zahlreichen Familien zum geliebten Bilderbuch geworden. Das zweite Buch erschien 2004 mit dem Titel „Filzen von Tieren aus aller Welt“. Es bietet die Möglichkeit, das Filzen auch von exotischeren Tieren zu erlernen, vom Känguru über den Tiger bis hin zum Kolibri und zur Giraffe. 2007 erschien das Buch "Eisbär, Pinguin und Co. Im September 2009 erschien das Bilder- und Sachbuch "Auf dem Bauernhof, Filzen für die ganze Familie", welches seit 2011 auch in Englisch unter dem Titel "A Felt Farm" erhältlich ist.